Wirtschaft und Politik | HANDWERK IN BERLIN 2026 - 3Handwerk fordert Taten
Berlin hat gewählt. Nun steht der neue Senat vor der Aufgabe, die wirtschaftliche Kraft der Stadt – und damit auch die des Handwerks – zu stärken. Denn nur eine starke Wirtschaft macht Berlin zukunftssicher.
Betriebe nennen ihre dringendsten Anliegen an den zukünftigen Senat
Die Handwerkskammer Berlin hat bereits im Vorfeld der Wahl immer wieder auf die zentralen Forderungen des Handwerks an die Politik hingewiesen: den Abbau von Bürokratie, bezahlbares Wohnen, eine Stärkung der dualen Ausbildung und der Berliner Mischung sowie die Einrichtung von Handwerkerparkplätzen – um nur einige Beispiele zu nennen. Nun haben wir uns bei Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhabern umgehört: Wo drückt im Handwerk konkret der Schuh? Und was muss die neue Landesregierung dringend anpacken?
Handwerk in seiner ganzen Vielfalt anerkennen
Von der neuen Berliner Landesregierung wünsche ich mir, dass sie das Handwerk in seiner ganzen Vielfalt wahrnimmt und auch das Kosmetikhandwerk stärker in den politischen Fokus rückt. Als Kosmetikmeisterin weiß ich, wie viel Fachwissen, handwerkliches Können, Verantwortung und kontinuierliche Weiterbildung hinter unserem Beruf stehen. Dennoch wird unser Gewerk gesellschaftlich und politisch noch immer zu wenig gesehen und wertgeschätzt. Unser Beruf ist aktuell nicht meisterpflichtig. Umso wichtiger ist es, die Meisterqualifikation und fachliche Qualität stärker zu fördern und sichtbar zu machen.
Von der Politik wünsche ich mir weniger Bürokratie, bessere Rahmenbedingungen für kleine und mittlere Betriebe sowie mehr Unterstützung bei Ausbildung und Qualifizierung. Wer das Berliner Handwerk stärken will, darf nicht nur auf die großen und bekannten Gewerke schauen. Auch das Kosmetikhandwerk gehört dazu. Wir wollen nicht bevorzugt werden – wir wollen gleichwertig gesehen, ernst genommen und respektiert werden.
Aminata Amoruso, Kosmetikmeisterin
Klaus Henke, Tischlermeister, Zinken & Zapfen
Ausbilden ist wichtig – aber zu teuer
Es ist sehr schwierig, sich Ausbildung unter den derzeitigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen als kleiner Betrieb zu leisten. Ich halte die Ausbildung des Nachwuchses für eine der wichtigsten Aufgaben unseres Handwerks, aber die Kosten sind einfach zu hoch. Für meinen Betrieb gilt: Für eine Lehrzeit von drei Jahren ergibt sich eine Gesamtbelastung von 45.098 Euro. Um diese Ausbildung betriebswirtschaftlich überhaupt kostendeckend abzubilden, wäre ein täglicher Ertrag von 96,16 Euro pro anwesendem Ausbildungstag erforderlich. Für kleine und kleinste Tischlereibetriebe ist das in der Praxis häufig nicht erreichbar.
Wir brauchen deshalb passgenaue Zuschüsse für ausbildende Kleinbetriebe, die Entlastung bei Prüfungs-, Lehrgangs- und Nebenkosten, eine realistische Diskussion über Betreuungs- und Ausfallzeiten in der Ausbildung sowie eine stärkere öffentliche und politische Anerkennung der Tatsache, dass Ausbildung in kleinen Betrieben auf hohem persönlichem und wirtschaftlichem Einsatz beruht.
Mieten müssen wieder bezahlbar sein
Als Unternehmerin im Berliner Handwerk wünsche ich mir von der neuen Landesregierung Tatkraft und Weitblick. Um Mitarbeiter*innen gewinnen und halten zu können, braucht es konkrete Lösungen für die angespannte Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Mieten müssen bezahlbar sein und kostengünstiger Wohnraum muss ausreichend zur Verfügung stehen. Um es Handwerksunternehmen zu ermöglichen, langfristig in der Stadt ansässig zu bleiben, braucht es außerdem einen Aktionsplan zum Thema Gewerbemieten.
Als Unternehmen ist die BRILLENkammer Teil der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Ich wünsche mir eine Berliner Strategie, um die Rahmenbedingungen für soziale und solidarische Wirtschaftsformen zu verbessern. Die neue Landesregierung soll sich dafür einsetzen, dass nicht mehr reines Wachstum des BIPs allein als Indikator für den Wohlstand der Gesellschaft verstanden wird. Es sollen zusätzliche Indikatoren eingeführt werden, die soziale Gerechtigkeit, demokratische Teilhabe, Gesundheit, Bildung und Nachhaltigkeit berücksichtigen.
Katharina Pech, Meisterin Augenoptik, BRILLENkammer
Mike Lischke, Metallbauermeister, Metall- und Apparatebau Lischke
Weniger Formulare, Nachweispflichten und langwierige Verfahren
Das Berliner Metallhandwerk braucht gute Rahmenbedingungen, um Arbeitsplätze zu sichern, auszubilden und in der Stadt wirtschaftlich erfolgreich bleiben zu können. Dazu gehört an erster Stelle die Sicherung und Entwicklung innerstädtischer Gewerbe- und Betriebsflächen. Handwerksbetriebe müssen auch künftig dort arbeiten können, wo ihre Kunden und Mitarbeiter sind – und dürfen nicht aus der Stadt verdrängt werden. Ebenso dringend ist ein konsequenter Bürokratieabbau. Betriebe brauchen weniger Formulare, Nachweispflichten und langwierige Verfahren und stattdessen mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit.
Für das Metallhandwerk ist außerdem die Sicherstellung der notwendigen Mobilität unverzichtbar. Transporter und Nutzfahrzeuge müssen ihre Einsatzorte erreichen können. Einschränkungen und Verkehrsregelungen dürfen die Durchführung von Transport- und Montagearbeiten nicht unnötig erschweren. Schließlich sollte die Landespolitik auf die geplante Ausbildungsplatzabgabe verzichten. Sie würde für die Betriebe zusätzliche Bürokratie schaffen, ohne das eigentliche Problem zu lösen: Viele Handwerksbetriebe wollen ausbilden, finden aber schlicht keine geeigneten Bewerber. Hier braucht es Unterstützung bei der Gewinnung von Nachwuchs statt zusätzlicher Meldepflichten.
Entlastungen bei den Sozialabgaben
Ich wünsche mir, dass die handwerkliche duale Ausbildung in Berliner Schulen immer als gleichberechtigte Option zu Abitur und Studium vermittelt wird. Es braucht mehr Aufklärung über Weiterbildungs- und Fördermöglichkeiten im Handwerk. Wichtig sind Wohnheime für Azubis, damit der Ausbildungslohn auch für Wohnraum reicht. Jungen Menschen aus dem Ausland, die im Handwerk arbeiten möchten, sollte der Zugang zu Arbeit und Ausbildung erleichtert werden. Die Kommunikation mit den Ämtern muss schneller, digitaler und unbürokratischer werden.
Es sollte möglich sein, mit einem Handwerksberuf das Leben zu finanzieren. Der Mindestlohn ist ein falscher Weg, denn er geht zulasten des Unternehmers. Nötig sind dringend Entlastungen bei den Sozialabgaben für KMUs. Auch Gewerbemieten müssen für das Handwerk attraktiver werden, damit sich mehr Unternehmer in Berlin ansiedeln. Mutige Menschen, die gründen wollen, brauchen in der Anfangszeit mehr Unterstützung – durch Zuschüsse, Förderungen und günstige Kredite. Und schließlich muss im Bewusstsein der Berliner ankommen, welche Leistung täglich in Handwerksbetrieben erbracht wird. Darüber müssen wir mehr sprechen.
Katrin Knopp, Bäckermeisterin, SoLuna
Philipp Wodara, Geschäftsführer Gebäudeservice Wodara
Abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren
Mir ist wichtig, dass Berlin praktische Politik macht, die im Alltag ankommt:
- Berlin soll sich im Bund dafür einsetzen, dass die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren erhalten bleibt. Gerade Menschen in körperlich belastenden Berufen können nicht beliebig länger arbeiten. Wer länger arbeiten kann und möchte, soll davon finanziell spürbar profitieren.
- Ein berlinweites Netz von „Handwerker*innen-Toiletten“: öffentliche Toiletten und freiwillig teilnehmende Unternehmen, deren WCs Beschäftigten im Außendienst offenstehen.
- Keine Blockiergebühren an öffentlichen E-Ladesäulen zwischen 21 und 7 Uhr.
- Die Gemeinwohl-Ökonomie stärker fördern und Organisationen belohnen, die soziale und ökologische Verantwortung übernehmen.
- Klimaschutz konsequenter vorantreiben – pragmatisch, sozial verträglich und mit Anreizen.
- Verwaltung schneller, digitaler und serviceorientierter machen.
- Ausbildung und Handwerk stärker wertschätzen.