
Berliner Handwerk: Beste Stimmung seit fast 20 Jahren
Pressemitteilung der Handwerkskammer Berlin
Die Stimmung im Berliner Handwerk ist so gut wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Dies ergab die Frühjahrs-Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Berlin, die der Präsident der Kammer, Stephan Schwarz, und Hauptgeschäftsführer Jürgen Wittke am 13. April vorstellten. "Im Vergleich zum Vorjahr kletterte der Geschäftsklimaindex um 13 auf nunmehr 104 Punkte - das ist das beste Resultat einer Frühjahrsumfrage seit dem Jahr 1993", so Kammerpräsident Schwarz.
Das Handwerk für den gewerblichen Bedarf schneidet am besten ab und konnte sich im Vergleich zum Vorjahr um 20 auf 116 Punkte verbessern. Die größte Steigerung erreichten die Betriebe des Kfz-Gewerbes, dort stieg der Index um 23 auf 110 Punkte. Bauhaupt- und Ausbaugewerbe, die den Löwenanteil der Berliner Handwerksbetriebe ausmachen, kommen auf 102 bzw. 104 Punkte. Dies entspricht einer Steigerung um 11 Punkte beim Bauhauptgewerbe und um 13 Punkte beim Ausbaugewerbe. Den niedrigsten Wert erreichten die Handwerke für personenbezogene Dienstleistungen mit 78 Punkten. Doch auch dies bedeutet im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um sechs Punkte.
Alle Handwerksbranchen bewerteten die aktuellen Geschäftsergebnisse deutlich positiver als noch im Vorjahr. Fast 80 Prozent der Betriebe berichten von guten oder zufriedenstellenden Ergebnissen. Sehr zuversichtlich äußerten sich die Betriebe zu den Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate: Der Saldo aus optimistischen und pessimistischen Prognosen liegt mit drei Punkten im Plus - so viel Optimismus hat es im Berliner Handwerk seit dem Herbst 1994 nicht mehr gegeben. Bei der Entwicklung der Nachfrage sehen alle Branchen einen positiven Trend, aktuell liegt der Saldo aus Verbesserungen und Verschlechterungen über alle Branchen gesehen mit 2 Punkten im Plus - auch dies ist mit Abstand der beste Wert der letzten 20 Jahre.
Grundlage für diese Zuversicht ist vor allem die stabilere Auslastung der Betriebskapazitäten, die nicht zuletzt dafür sorgt, dass 18 Prozent der Betriebe neues Personal eingestellt hat, während 16 Prozent Personal abbauen mussten. Damit liegt der Saldo mit zwei Prozent im Plus - im Vorjahr hatte er noch mit zehn Punkten im Minus gelegen. In den kommenden Monaten wollen 18 Prozent der Betriebe neu einstellen, lediglich elf Prozent ihren Personalbestand verkleinern.
"Es muss nun darum gehen, dieses Ergebnis zu verstetigen. Der Bereich der energetischen Gebäudesanierung bietet hier gute Möglichkeiten", so Stephan Schwarz. Dazu sei es jedoch erforderlich, die Sanierungsquote im Gebäudebestand, die derzeit in Berlin weniger als 1 Prozent betrage, deutlich zu steigern. Auch das Land Berlin tue zu wenig, um die Fachkräfte in den Berliner Baubetrieben zu halten: "Die Förderkonditionen der Investitionsbank Berlin (IBB) wurden so gestaltet, dass die für 2010 und 2011 vorgesehenen Mittel bereits im Sommer 2010 erschöpft waren. Die IBB muss in die Lage versetzt werden, zumindest eine kontinuierliche Förderung der Bestands-Sanierung zu gewährleisten", so Schwarz. "Der Senat muss sich auf eine wirksame und effiziente Umwelt- und Energiepolitik konzentrieren", forderte Schwarz.
Eine weitere Chance, mit grünen Themen schwarze Zahlen zu schreiben, sieht das Berliner Handwerk in der Elektromobilität. Hier gibt es in den Bereichen Infrastruktur, Service und Handel sowie Qualifikation Potenziale für das Handwerk. Kfz-Innung, Elektro-Innung und Zweiradmechaniker-Innung haben sich seit längerer Zeit intensiv mit dem Thema beschäftigt und es in die Lehrlings- bzw. Meisterausbildung integriert.
Eine positive Zwischenbilanz zieht das Berliner Handwerk aus den Maßnahmen zum Konjunkturpaket II. Speziell die Betriebe des SHK-, des Maler- und Lackierer- sowie des Elektrohandwerks hätten hier profitiert. Nach dem Auslaufen der Konjunkturpakete ist es nun umso wichtiger, weitere Infrastrukturinvestitionen im Land Berlin, wie z. B. der Weiterbau der A 100, die Realisierung der Tangentialverbindung Ost sowie die Sanierung des maroden Straßennetzes in Angriff zu nehmen.
Zur Diskussion um den Flughafen BBI sagte Schwarz, der Flugbetrieb am Tagesrand sei für den Flughafen sowie für die gesamte Region unverzichtbar. "Nur mit Nutzung der Tages¬randzeiten kann BBI im Wettbewerb mit anderen Airports bestehen und sich zu dem internationalen Drehkreuz entwickeln, als das er geplant wurde. Damit einher geht die Schaffung neuer Arbeitsplätze auf dem Flughafen und im gesamten Umfeld des BBI", so Schwarz.
Die gute Handwerkskonjunktur wirke sich auch bei der Nachfrage nach Fachkräften aus, so der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Berlin, Jürgen Wittke. "Im Handwerk ist der Fachkräftemangel bereits betriebliche Realität", sagte Wittke. Während im vergangenen Jahr noch rund die Hälfte der Betriebe keine Probleme bei der Stellenbesetzung hatte, sei inzwischen nur noch jeder dritte Betrieb unbesorgt. "Jeder vierte Berliner Handwerksbetrieb will sofort oder in den kommenden Monaten Fachkräfte einstellen. 30 Prozent der Betriebe des Bauhauptgewerbes und der Nahrungsmittelhandwerke sind auf der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern", so Wittke.
Nach wie vor schwierig gestaltet sich die Suche nach Nachwuchs für das Berliner Handwerk. Vor allem die Bereiche Bauhauptgewerbe, die Nahrungsmittelhandwerke, die Handwerke für den gewerblichen Bedarf, die Ausbauhandwerke und das Kfz-Gewerbe suchen nach Lehrlingen. "Die Hauptprobleme bei der Stellenbesetzung haben sich seit 2010 nicht verändert: Als Grund für die Nichtbesetzung offener Stellen wird auch in diesem Frühjahr von fast dreiviertel der Betriebe die mangelnde Qualifikation der Bewerber am häufigsten genannt", erläuterte Wittke. Darüber hinaus erhielten 22 Prozent der Betriebe erst gar keine Bewerbung auf ihre Stellenausschreibungen, so Wittke.
In den vergangenen Jahren hätten Landesregierung und die Bundesagentur für Arbeit erhebliche Mittel in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen des zweiten oder - mit dem Öffentlichen Beschäftigungssektor - sogar dritten Arbeitsmarktes gesteckt. Dies habe jedoch eher zu einer Konservierung der Arbeitslosigkeit geführt, sagte Wittke. "Seit Beginn dieses Jahres findet eine Umorientierung statt: Die Mittel sollen gezielt für die Integration in den ersten Arbeitsmarkt verwendet werden. Wir erwarten, dass mit der Umschichtung der Mittel auch die erforderliche Trendwende erreicht wird", sagte Wittke.
Das Handwerk lege ein deutlich gesteigertes Engagement an den Tag, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken, so Wittke weiter. "Fort- und Weiterbildung nehmen als Instrumente der Fachkräftesicherung einen immer höheren Stellenwert ein. Auch die eigene Ausbildung gewinnt für die Betriebe immer mehr an Bedeutung - mehr als die Hälfte der Unternehmen gab an, auf dieses Mittel zurück zu greifen."
Mit der Öffnung des Arbeitsmarktes für Arbeitnehmer aus Osteuropa, die am 1. Mai 2011 ansteht, ließe sich das Problem des Fachkräftemangels kaum lösen. "Den Prognosen der Bundesagentur zufolge werden in den kommenden vier Jahren zwischen 100.000 und 150.000 Menschen aus Osteuropa nach Deutschland kommen. Auf Berlin umgerechnet geht die Bundesagentur von einem Zustrom von jährlich etwa 8.500 zusätzlichen potenziellen Arbeitnehmern aus. Damit können wir keine Deckung des Fachkräftebedarfs erreichen", erklärte Wittke. Auch zu flächendeckenden Wettbewerbsverzerrungen werde es nicht kommen, wenn diese Zahlen einträfen. Allerdings sei es erforderlich, das Arbeitnehmer-Entsendegesetz nachzubessern, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, da sonst die Gefahr bestehe, dass mittels Zeitarbeit geltende allgemeinverbindliche Mindestlöhne unterlaufen werden.
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